Sperrzeit bei ALG-I wegen des Umzugs zum Lebensgefährten?

Nein, urteilte das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen bereits im Dezember 2017. Damit wurde mit der jahrzehntelangen Rechtsprechung des Bundessozialgerichts gebrochen.

 

Wichtig ist das Urteil für diejenigen, die in einer Fernbeziehung gelebt haben, zu ihrem Lebensgefährten gezogen sind, dafür durch Eigenkündigung ihren Arbeitsplatz aufgaben und somit arbeitslos wurden. Bisher galt in diesen Fällen, dass daraufhin eine Sperrzeit beim Bezug von Arbeitslosengeld eingetreten ist, § 159 SGB III (Sperrzeit bei Arbeitsaufgabe). Ausnahmen waren grundsätzlich nur vorgesehen für Personen, die zu ihrem Ehepartner gezogen sind und für Verlobte, soweit „die Heirat bis zur Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses oder jedenfalls alsbald danach stattfinden werde.“ (BSG, Urteil vom 17.02.2002, Az.: B 7 AL 96/00 R)

 

Das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen (Urteil vom 12.12.2017, Az.: L 7 AL 36/16) hat sich intensiv mit der Sperrzeitregelung beschäftigt und hält es seither „nicht mehr für zeitgemäß und somit zweifelhaft, die Anwendung der Sperrzeitvorschrift bei Arbeitsaufgabe wegen Umzugs bereits im Ansatz an einen familienrechtlichen Status anzuknüpfen. (…) Es sind nämlich gewichtige Umstände (finanzielle Situation, Scheidungsverfahren, gesundheitliche Gründe, Wohnungsmarkt, Schwangerschaft) denkbar, die unabhängig vom familiären Status und von formalen Voraussetzungen einen Umzug zum Partner als vernünftig und sinnvoll erscheinen lassen, sodass die Versichertengemeinschaft gar kein Interesse haben kann, die Arbeitsaufgabe als versicherungswidriges Verhalten zu sanktionieren.“ Entscheidend soll nach Ansicht des Landessozialgerichts nur (noch) sein, dass die Partnerschaft nach außen erkennbar eine Dauerhaftigkeit und Kontinuität zeigt, die von gegenseitigem Verantwortungsbewusstsein geprägt ist.

 

Es ist zu begrüßen, dass das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen die Rechtsprechung zu Sperrzeiten bei Arbeitsplatzaufgabe nun an die Arbeitsbedingungen und Lebensumstände in der Gegenwart anpasst und überholte Moralvorstellungen mit der damit einhergehenden rechtlichen Privilegierung von Ehe und Ehepartnern gegenüber Alleinstehenden, Alleinerziehenden sowie unverheirateten Paaren bei der Anwendung des § 159 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 SGB III aufgibt.

 

Sollten gegen Sie eine Sperrzeit aufgrund versicherungswidrigen Verhaltens ergangen sein, stehen wir Ihnen gerne beiseite und vertreten Ihre rechtlichen Interessen. Beachten Sie bitte, dass auch nach der neuen Rechtsprechung weitere Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine Sperrzeit nicht eintritt.

 

Das Urteil des Landessozialgerichts Niedersachsen-Bremen ist öffentlich abrufbar (LSG Nds.-Br., Urteil vom vom 12.12.2017, Az.: L 7 AL 36/16).

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